Bodentiere & Struktur

Regenwürmer als Ingenieure des Bodenökosystems

Regenwürmer bauen Poren, mischen organisches Material und verändern mikrobielle Prozesse. Ein Review zeigt ihre große funktionale Bedeutung – aber auch, warum mehr Würmer nicht automatisch mehr stabilen Kohlenstoff bedeuten.

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Regenwürmer verschiedener Lebensformen in vertikalen und horizontalen Gängen eines durchwurzelten Bodens

RED Editorial · Visualisierung ohne Textbestandteile

Warum Regenwürmer als Ökosystemingenieure gelten

Regenwürmer verändern ihren Lebensraum physisch und biologisch. Sie graben Gänge, ziehen Streu in den Boden, zermahlen organisches Material und scheiden strukturreiche Aggregate aus. Rund um ihre Gänge – in der sogenannten Drilosphäre – entstehen Zonen mit anderen Poren, Nährstoffen und mikrobiellen Aktivitäten als im übrigen Boden.

Der Review von Wu und Kolleginnen und Kollegen verbindet zwei Themen: Methoden der Regenwurmzucht und die Rolle der Tiere für mikrobielle Regulation und Kohlenstoff. Er ist eine konzeptionelle Übersicht, kein einzelner Feldversuch. Die beschriebenen Wirkungen stammen aus unterschiedlichen Arten, Böden und Experimenten und dürfen nicht als einheitlicher Effekt gelesen werden.

Regenwürmer sind besonders anschauliche Vertreter eines größeren Prinzips: Bodenstruktur wird nicht nur durch Minerale und Maschinen geprägt. Lebende Organismen bauen und erhalten Porensysteme, Hotspots und Transportwege.

Drei ökologische Lebensformen mit verschiedenen Aufgaben

Epigäische Arten leben vor allem in der Streu an der Oberfläche. Sie verarbeiten frisches organisches Material und werden häufig in der Vermikompostierung eingesetzt. Endogäische Arten leben im Mineralboden und bauen überwiegend horizontale Gangsysteme. Sie nehmen viel Boden auf und mischen organische Substanz in Aggregate ein.

Anezische Arten legen tiefe, relativ dauerhafte vertikale Gänge an und ziehen Oberflächenstreu nach unten. Diese Makroporen können Wasser, Luft und Wurzeln in tiefere Schichten leiten. Die drei Gruppen sind keine austauschbaren „Wurmtypen“; Arten unterscheiden sich zusätzlich in Klimaansprüchen, Nahrung und Reproduktion.

Epigäischoberflächennahe Streu und Vermikompost
EndogäischMineralboden und horizontale Gänge
Anezischtiefe vertikale Gänge, zieht Streu ein
FolgerungArten und Lebensräume nicht austauschbar

Poren, Infiltration und Wurzelwege

Beim Graben verdrängen und fressen Regenwürmer Boden. Offene Makroporen verbessern häufig Belüftung und schnelle Infiltration. Pflanzenwurzeln nutzen ältere Gänge als Wege mit geringem mechanischem Widerstand und erreichen dadurch tiefere Wasser- und Nährstoffreserven.

Die Wirkung hängt von Gangstabilität, Bodenart und Oberflächenanschluss ab. In verdichteten Böden können vertikale Gänge besonders wertvoll sein. Sie können bei gelösten Nährstoffen oder Pflanzenschutzmitteln aber auch bevorzugte Fließwege in tiefere Schichten bilden. Mehr Makroporen sind daher nicht in jeder Hinsicht automatisch positiv.

Wurmkot – sogenannte Casts – ist häufig dichter und zugleich aggregiert. Schleim, zerkleinerte organische Partikel, Ton und mikrobielle Produkte werden gemischt. Nach Trocknungs- und Alterungsprozessen können daraus stabile Strukturen entstehen.

Darm, Casts und Drilosphäre als mikrobielle Hotspots

Während der Darmpassage werden organische Materialien zerkleinert, befeuchtet und mit Schleim sowie Mikroorganismen gemischt. Sauerstoff, pH und Nährstoffverfügbarkeit verändern sich kurzfristig. Bestimmte Mikroben werden verdaut, andere überstehen die Passage oder vermehren sich in frischen Casts.

Damit sind Regenwürmer keine einfachen „Vermehrer guter Mikroben“. Sie filtern, transportieren und verändern Gemeinschaften. In der Drilosphäre sorgen Wurzeln, Schleim und eingezogene Streu für hohe Aktivität. Mit der Zeit können frische Hotspots wieder abklingen oder in stabilere Aggregate übergehen.

Diese räumliche Heterogenität ist funktional. Ein Boden muss nicht überall gleich aktiv sein. Lokale Hotspots können schnelle Nährstofffreisetzung mit größeren, ruhigeren Speicherbereichen verbinden.

Kohlenstoff: schneller Abbau und möglicher Schutz zugleich

Regenwürmer beschleunigen häufig die Zerkleinerung und mikrobielle Verarbeitung organischen Materials. Kurzfristig kann dadurch mehr Kohlendioxid freigesetzt werden. Würde man nur Atmung messen, könnten Würmer daher als Kohlenstoffverlust erscheinen.

Gleichzeitig mischen sie organische Stoffe mit Mineralen, bilden Aggregate und fördern mikrobielle Biomasse. Abgestorbene Mikrobenzellen und organische Moleküle können innerhalb von Aggregaten oder an Mineraloberflächen länger geschützt werden. Tief eingezogene Streu verändert zusätzlich die räumliche Verteilung.

Welche Seite langfristig überwiegt, ist nicht allgemein geklärt. Art, Pflanzenproduktion, Bodenmineralogie, Klima und Störung entscheiden. Der Review benennt die Langzeitwirkung auf dauerhafte Kohlenstoffspeicherung ausdrücklich als offene Forschungsfrage.

Regenwürmer sind Beschleuniger des Kreislaufs. Ob daraus netto mehr stabiler Kohlenstoff entsteht, hängt davon ab, ob neue Einträge und Schutz den zusätzlichen Abbau übertreffen.

Vermiwurmzucht ist nicht dasselbe wie Freilandförderung

Der Review nennt für Zuchtsysteme häufig Temperaturbereiche von etwa 15 bis 25 Grad Celsius, Feuchten von 60 bis 70 Prozent, ein Kohlenstoff-Stickstoff-Verhältnis um 25 zu 1 und einen pH zwischen 6,5 und 7,5. Solche Werte sind nützliche Ausgangspunkte für Vermikultur, aber keine universelle Anleitung zur Freisetzung auf Feldern.

Kompostwürmer wie Eisenia-Arten sind an organikreiche Oberflächensubstrate angepasst. Sie können in einem Minerala­cker ohne dicke Streuschicht rasch verschwinden. Tiefgrabende Feldarten lassen sich wiederum nicht wie Kompostwürmer in hohen Dichten halten.

Ökologische Grenzen und nicht heimische Arten

In Regionen, deren Ökosysteme sich nach der letzten Eiszeit ohne Regenwürmer entwickelten, können eingeschleppte Arten Streuauflagen rasch abbauen und Waldgemeinschaften tief verändern. Auch andernorts ist nicht jede Art heimisch oder erwünscht. Unkontrollierte Freisetzung kann ökologische und rechtliche Probleme schaffen.

Hohe Regenwurmdichte benötigt kontinuierliche Nahrung und passende Feuchte. Wenn diese Tragfähigkeit fehlt, bricht die Population zusammen. Bei schadstoffbelastetem Material können Würmer Kontaminanten anreichern und in Nahrungsnetze übertragen.

Regenwürmer ersetzen zudem keine Ursachenbehebung. Verdichtung, blanker Boden, Pestizidbelastung, Staunässe oder extreme Trockenheit müssen zuerst adressiert werden. Eine gekaufte Wurmpopulation kann einen ungeeigneten Lebensraum nicht dauerhaft reparieren.

Warum das für RED relevant ist

Regenwürmer verkörpern die Verbindung von Biologie und Bodenphysik, die für RED zentral ist. Ihre Gänge, Casts und Hotspots zeigen, wie Organismen Struktur herstellen. Sie eignen sich zugleich als gut sichtbare Indikatoren für organische Nahrung, Feuchte und Störungsintensität.

Für RED sollte das Ziel nicht „möglichst viele Würmer“ lauten, sondern eine standorttypische Gemeinschaft verschiedener Lebensformen. Maßnahmen wären Bedeckung, vielfältige Wurzeln, organische Rückführung, reduzierte schädliche Bodenbearbeitung und die Vermeidung problematischer Stoffe. Veränderungen werden zusammen mit Infiltration, Aggregaten, Pflanzenwurzeln und Kohlenstofffraktionen gemessen.

Wissenschaftliche QuelleWu, J., Yu, Y., Deng, X., Wang, F., Yuan, X., Wu, H. & Wang, J. (2025): Earthworm breeding techniques and their roles in microbial regulation and soil carbon sequestration. Frontiers in Microbiology.
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